Zugegeben, ich fahre keinen Ferrari, doch von einem SUV ist mein Auto auch relativ weit entfernt. Kein Wunder also, dass viele der Meinung waren, mit so einem Wagen kann man nur Probleme bekommen im Land der Elche und Fjorde. Im aufopferungswürdigen Selbstversuch habe ich es dennoch gewagt. Hier meine Erfahrungen:
Erstens: Man fühlt sich doch ein wenig als Exot. In vielen Dörfern wurde der Wagen von Kindern (natürlich hauptsächlich Jungs
) bestaunt. Selbst, als auf dem Zeltplatz meiner Wahl ein Motorradtreffen abgehalten wurde, fanden einige den Weg zu meinem Auto und wollten sich den Motor zeigen lassen. Ich habe während drei Wochen Urlaub nicht einen einzigen “PKW-Zwilling” zu Augen bekommen.
Überhaupt waren fast nur Kombis, SUVs und Geländewagen unterwegs. Von den Wohnwagen mal ganz zu schweigen. Coupés gab es – wenn überhaupt – nur nahe der großen Städte zu sehen.
Phase 1: Schikanen (Fußgängerüberwege)
Die Fußgängerüberwege sind extremst steil in Norwegen. Bei vorsichtiger Fahrt sind sie jedoch sehr leicht zu überfahren. Man fürchtet zwar ständig das Schlimmste, aber eigentlich passiert nix.
Phase 2: FeRist
In Norwegen wandern Schafe, Kühe, Esel, was-auch-immer teilweise ohne Vorwarnung über Straßen, die vom Belag einer Autobahn entsprechen. Dementsprechend sollte man immer darauf achten, ob man sich in so einer Gefährungszone befindet. Mehr als an Schildern kann man dies über die sogenannten “Feriste”ausmachen. Dabei handelt es sich um in die Straße eingelassene Metallstangen, die das Vieh davon abhalten, einen bestimmten Bereich zu verlassen. Sie machen zwar einen Heidenlärm, lassen sich aber mit fast jeder (erlaubten, also max. 80 km/h) Geschwindigkeit überfahren. Vorsicht allerdings bei schlechter Wegstrecke: Gerade vor dem Ferist sind teilweise mörderische Schlaglöcher.
Phase 3: Fähren
Auch die Fährauffahrten wirken zwar auf den ersten Blick steil, sind dies aber in Hinblick auf Aufsetzen nicht. Kein Problem also. Wie immer: Sinnig fahren, dann klappts.
Phase 4: Zeltplätze
Hier verließen sie ihn dann. Man sollte bei Zeltplätzen extremst gut auf den Boden achten, am Besten den ausgewählten Stellplatz zuvor zu Fuß abgehen. Ich tat dies nicht. Ein kleiner versteckter Baumstamm mit ebenso gut verstecktem Loch im hohen Gras führte zu extrem unangenehmen Geräuschen, die aus dem Herausreissen einer Querstrebe unter dem Mitteltunnel des Wagens resultierten. Zum Glück (in Deutschland) relativ leicht ersetzbar und ein eigentlich irrelevantes Bauteil.
Phase 5: Werkzeug
Wenn man nicht gerade in einer Großstadt ist (und meistens ist man dies wohl nicht), kann man sich dumm und dusselig suchen, um gescheites Werkzeug zu finden. Insbesondere, wenn ausgerechnet ein 12(!)er- Maulschlüssel fehlt. Also besser gleich für alle Eventualitäten gerüstet sein, auch wenn das Bedeutet, dass für das Zelt kein Platz mehr ist im Kofferraum
Phase 6: Werkstätten
Werkstätten sind noch schwerer zu finden, als Werkzeug in Norwegen. Und die Preise sind – vorsichtig formuliert – gesalzen. Dafür arbeiten die Vertragswerkstätten auch Nachts, so dass es – wenn man denn die richtige Werkstatt gefunden hat – relativ flott geht.
Phase 7: Regen
Gegen Regen ist man naturgemäß machtlos. Man sollte auf jeden Fall darauf achten, nicht gerade Sandwege zu fahren wenn es gießt. Mit anderen Worten: In der Nähe von Bergen sollte man nie die festen Wege verlassen. In welcher anderen Stadt der Welt reiht sich denn ein Gummistiefelladen an den anderen? Unsere Bilanz: Ein defekter Scheibenwischer (abgesoffen) und eine Rückleuchte, die als Feuchtbiotop durchgehen kann.
Phase 8: Schotterpisten
Geht! Man sollte zwar ständig die Straße vor Augen haben, aber selbst völlig “Teerfreie” Straßen wie der traumhafte PeerGynt-Veien sind ziemlich gefahrlos zu meistern.
Phase 9: Bergstrecken
In engen Serpentinen sollte man schon etwas aufpassen, da es doch etwas steil werden kann und hier der Wagen wohl scheuern könnte. Für diese Vorsicht wird man allerdings extrem gut belohnt: Es ist 100 mal aufregender enge Serpentinen hoch und runter zu jagen und dabei nicht über den zweiten Gang hinauszukommen, also mit 200 auf gerade Autobahn langzudüsen. Norwegen ist somit für mich das ideale Sportwagenland
Phase 10: Dreck
Wer Angst vor Schmutz am Wagen hat, darf nicht nach Norwegen. Die (schönen) Straßen sind oft nur Sandpisten, auf jeden Fall aber dreckig und der entgegenkommende Verkehr interessiert sich herzlich wenig um die Sorgen eines mitteleuropäischen Wagenbesitzers, der fürchtet sein Auto könnte den einen oder anderen Kieselstein abbekommen.
Fazit:
Es geht! Und zwar sehr gut. Grenzwertig wird es sicherlich mit extrem tiefergelegten Wagen, aber die werden bereits an der Fähre nach Norwegen scheitern. Man sollte sich zudem dazu im Klaren sein, dass man neugierige Blicke erntet, für einen Großteil der Einheimischen und auch Touristen aber garantiert für bekloppt gehalten wird (auch wenn sie es nie aussprechen würden).
Überrascht hat mich übrigens der extrem geringe Spritverbrauch. Trotz ständigem hochtourigen Bergkraxeln hat mein Wagen ca. 25% weniger Sprit verbraucht als bei Autobahn- und Stadtfahrten in Deutschland. Ach ja: Sprit ist nicht wesentlich teurer als in Deutschland. Man merkt kaum einen Preisunterschied. Normalbenzin gibt es gar nicht oder nur selten. Unter 95 Oktan gehts gar nicht erst los. Aber wer will denn auch weniger?
















